Wo kommst du denn wech?

Wo kommze wech?

So fragt, oder besser, frägt man in meiner Heimat. Auch ging man nicht zum Supermarkt, sondern zum Konsum (gesprochen: Konnsumm) und es hieß auch nicht »Sie kauft dort ein«, sondern »Sie käuft …«, sehr zur Irritation meines Deutschlehrers in der dörflichen Grundschule.

Diese Frage also lässt sich auch heute noch auf Plattdeutsch beantworten und lautet folglich: »Ik kum ut Frärpen!« Wobei zu beachten ist, dass ein »r« konsequent als ein »a« ausgesprochen wird, woran sich im Allgemeinen die westfälische Herkunft erkennen lässt. So ging man also am Sonntag in die Kiache und gegessen wurde gerne und viel Wuast.

Das kleine Dörflein nennt sich hochdeutsch Frotheim, was wohl beinhalten soll, dass hier ein »frohes Heim« zu finden wäre. Hier wuchs ich als Kind eines ostpreußischen Flüchtlings und eines westfälischen Eingeborenen auf. Das war, nicht anders als heute, auch in den siebziger Jahren kein Leben auf dem Ponyhof. Frotheim liegt am Rande des großen Torfmoores, einer Hinterlassenschaft der Gletscher der letzten Eiszeit, die bis zum heutigen Weserbergland Fels und Geröll vor sich herschoben und mit ihrem kolossalen Gewicht die norddeutsche Tiefebene planierten. Als die Eisdecke abschmolz, ergaben sich auf der einen Seite – von Frotheim aus gesehen »achtern Berge« – das Kalletal und das Extertal, sowie die Senne um Bielefeld herum. Als letzter Geröllwall blieb das circa 250 Meter hohe Wiehengebirge liegen und an dessen Fuße sammelte sich das Schmelzwasser: ein großes Torfmoor entstand und ist bis heute als Naturschutzgebiet nicht nur den Klapperstörchen eine sommerliche Heimat, sondern zu allen Jahreszeiten einen Spaziergang wert.

Großes Torfmoor, Frotheim, Ostwestfalen

 

Am Rande des Moores haben die Preußen Anfang des 20. Jahrhunderts den Mittellandkanal gebaut, eine vorgegebene Begrenzung meiner kindlichen Ausflüge in die Moorwiesen. Obwohl ich nur wenige hundert Meter vom Moor entfernt aufwuchs, hätte ich es als kleine Stromerin nicht erreichen können, denn der Kanal stellte eine unüberwindbare Hürde dar. Immerhin – in den kleinen Wäldchen zwischen elterlichem Heim und Kanal ließen sich prima Butzen bauen und auf den gefrorenen Wiesen im Winter eislaufen.

Mittellandkanal, Großes Torfmoor, Frotheim, Ostwestfalen

 

Im Sommer hörte ich abends zum Einschlafen das friedvolle Gequake der Frösche und das Tuckern der Kähne auf dem Kanal, ein unvergesslicher Sound meiner Kindheit. Aufgewachsen bin ich auf der »Stelleriege«, das ist die Straße, die sich am Ende an einer Kanalbrücke mit »Hinter den Hörsten« trifft. Die Hörste spielen im gesamten Kreis eine große Rolle, worauf nicht nur mein angeborener Nachname (Horstmeier) und der vieler anderer Einwohner (Hülshorst, Schnakenhorst, Nackenhorst, Horstmann, Bollhorst, Brandhorst, Brinkhorst, Kamphorst, etc.) verweist, sondern sich auch in den Straßennamen (Horstbohlen, Buchhorst, Brüggehorst, Zur rauhen Horst, Horster Straße, Horstweg, Gabelhorst, Sielhorster Straße, Wehmerhorststraße, …) und Ortsnamen (Hüllhorst, Rauhe Horst, Böhnhorst, Brennhorst, Schnathorst, …) widerspiegeln.

Hinter »Hinter den Hörsten« also liegt das große Torfmoor, in dem in den Siebziger Jahren noch die Gleise für die Loren der Torfstecher verliefen. Von Karl Mays Indianergeschichten inspiriert, suchte ich dort den Schatz im Silbersee, denn einer der Moortümpel trug tatsächlich diesen Namen. Es war herrlich, darin baden zu gehen und nur für etwas für die Mutigsten, denn schon wenige Zentimeter unter der Oberfläche war vom eigenen Arm oder Bein nichts mehr zu erkennen, da man in ein tiefschwarzes Nass einstieg. Die Beine versanken knietief in einem samtigen, unergründlichen Schlick und die Geschichten, die über Moorleichen kursierten, verliehen dem Badespaß einen besonderen Thrill. Die Haut nach dem Umsonst- und Draußen-Bade fühlte sich besonders zart und gesund an, ganz anders als nach einem Ausflug ins nahe, aber chlorreiche Amtsfreibad Gehlenbeck, für das auch noch eine Mark fünfzig zu berappen war.

 

So beschaulich die Gegend auch bis heute geblieben ist, so wenig Stimulanz bot sie den Heranwachsenden. Hätte ich nicht lesen gelernt und mir auf diesem Wege ferne, phantastische Welten erschlossen, ich wäre verkümmert wie ein Sonnentau ohne Moorboden. Zu den Heldinnen meiner Kindheit gehörte an vorderster Stelle Pippi Langstrumpf, welche, im Gegensatz zu mir, ein selbstbestimmtes Leben führen durfte, sich nicht um Konventionen kümmerte und sich weder von Polizisten noch von der Jugendamts-Prüsseliese beeindrucken ließ. Ich erinnere mich, wie es meinen Vater erzürnte, als sie im Kinderprogramm des Schwarz-Weiß-Fernsehers in einer Szene in der Nase bohrte.

Die Bücher also erschlossen mir neue Welten, für die Lektüre allerdings hatte ich manches Mal einen hohen Preis zu zahlen, denn wenn ich beim heimlichen Lesen unter der Bettdecke erwischt wurde, setzte es Ohrfeigen oder Schlimmeres. Ich trotzte der Bildungsferne meiner Eltern erfolgreich und erkämpfte mir den Weg über den Realschulabschluss bis zum Abitur, auch wenn mein Vater der Meinung war, das sei absolut unnötig, denn schließlich sei ich ein Mädchen und würde infolgedessen sowieso heiraten. Wozu also noch drei Jahre durchfüttern bis zum Abi, anstatt arbeiten zu gehen und Geld zu verdienen?

Während dieser drei Jahre in der Oberstufe des Gymnasiums in Espelkamp lernte ich, mir Inhalte selbstständig zu erarbeiten. Was als Vorbereitung für das Studium gedacht war, ist bis heute die Grundlage dafür, neue Projekte zu entwickeln, z.B. das Schreiben eines Romans zu erlernen.

Heute ist mein Vater stolz auf das, was seine Töchter und Enkelkinder, nicht zuletzt aufgrund ihrer Bildung, erreicht haben.