Das Mysterium des Lektorates oder wie ich erzählen lernte

 

Ich erinnere mich an den Schreibworkshop im November 2016 auf Mallorca, bei dem ich zum ersten Mal auf Autorinnen traf, die schon mehrere Bücher veröffentlicht hatten. Ich fragte ihnen Löcher in den Bauch, unter anderem was es denn mit so einem Lektorat auf sich hätte und wie das vor sich gehe. Zur Antwort bekam ich einen tiefen, mysteriösen Blick und ein wissendes Lächeln. »Du wirst schon sehen!«

Im Frühjahr 2018 war es dann soweit. Nachdem ich mein Manuskript erfolglos bei einem Wettbewerb eingereicht hatte, wusste ich, es führt kein Weg mehr daran vorbei, mir eine versierte Lektorin an meine Seite zu holen. Dank Mattings Wochenschau stieß ich auf ein Interview mit Michaela Stadelmann. 

Ich beschloss, sie um ein Schnupperlektorrat zu ersuchen und entflammte, als ich die ersten 5 Kapitel zurückbekam. Immerhin sah ich feuerrot, und zwar seitenweise. Gleich die ersten fünf Sätze, an denen ich soo lange gefeilt hatte, (schließlich ist der erste Absatz der allerwichtigste, das steht in jedem Schreibratgeber,) flogen mir um die Ohren. Ich hatte 5 Mal hintereinander denselben Satzbau verwendet, ohne es zu bemerken. Endlich gab es jemanden, der mich mit der Nase drauf schubste!

Nach kurzer Zeit vertraute ich ihr das gesamte Manuskript an und dann dämmerte mir, als ich es wiedersah: Das wird der schreibintensivste Sommer meines Lebens! 

Ich würde die Geschichte zum großen Teil noch einmal neu schreiben müssen. Doch ich war höchst motiviert, denn ich war hungrig. Ich wollte lernen, wie das funktioniert, eine gut erzählte Geschichte zu schreiben und stürzte mich in die Arbeit. Frau Stadelmanns trockene Kommentare brachten mich oft zum Lachen und die Nachbarn auf den anderen Balkonen mögen sich gewundert haben, was ich wohl ständig aus heiterem Himmel zu giggeln hatte. Ich nutzte jede freie Minute. Musste ich früh aufstehen, um Geld zu verdienen, schrieb ich nach Feierabend. Konnte ich später anfangen, stand ich in der Morgendämmerung auf, solange es noch kühl war und schrieb. Ich freute mich auf die Wochenenden, denn das bedeutete, von morgens bis abends fabulieren zu können. 

Einmal bekam ich ein Email mit der besorgten Nachfrage, wie es mir ginge, ob mich die Motivation verlassen hätte oder warum sie nichts mehr von mir höre. Ups, ich war so tief versunken in meine Geschichte, dass ich glatt vergessen hatte, die Lektorin auf dem Laufenden zu halten! Das erwies sich als fahrlässig, denn prompt hatte ich in meinem Enthusiasmus die Figuren aufs falsche Pferd gesetzt und wortreich in die verkehrte Richtung galoppieren lassen. Frau Stadelmann schwang das Lasso und fing die Irrläufer wieder ein, doch zurückholen musste ich sie selber. Während ich also zum gefühlt hundersten Mal überarbeitete, ging mir auf, wie fantastisch es ist, eine Begegnung so oft wiederholen zu können, bis alle Beteiligten zu ihrem Recht gekommen sind. Wie oft wünsche ich, es wäre auch im echten Leben so!

Die Zeit des Lektorats war ein vielschichtiger Prozess, an dessen Ende etwas herausgekommen ist, auf das ich stolz bin: 

Eine solide erzählte Liebesgeschichte, darauf angelegt, den geneigten Leser, die geneigte Leserin ziemlich oft zum Lachen zu bringen. Schließlich will ich den Spaß, den ich beim Schreiben hatte, mit möglichst vielen Lesenden teilen. Mein neuer Roman kommt völlig jugendfrei daher, aber von allem anderen gibt‘s ne Portion extra. 😉 Versprochen!