Alle Fragen dieser Welt klären sich, wenn, dann in Ihrefeld

Rasch drehte sie sich um und strebte zur Straße, wo sie ein Taxi herbeiwinkte. Bevor sie einstieg, winkte sie ihm noch einmal. Lässig stand er da und nickte ihr lächelnd zu. Die Sommerbrise spielte mit seiner Löwenmähne. Es ging ein Strahlen von ihm aus, oder war es eine Luftspiegelung?

»Wohin sollet denn gehen?«, fragte der Taxifahrer. 

Isabell ließ sich auf den Sitz fallen und zog die Autotür zu. »Alle Fragen dieser Welt klären sich, wenn, dann in Ihrefeld.«

Dies sind die letzten Sätze aus dem Kapitel »Gonzo« im Roman »Liebe ohne Vorurteil«. Ein Leser, der nicht aus Köln kommt, fragte mich nach der Bedeutung von »Ihrefeld«. Zunächst einmal handelt es sich bei »Ihrefeld« nicht um einen Rechtschreibfehler, wie von Nichtkundigen bei so einigen der kölschen Wörter, die ich im Text verwende, gerne gemutmaßt wird, sondern um die kölsche Bezeichnung für Ehrenfeld. Das ist ein ehemaliger Arbeiter- und Industriestadtteil im Kölner Westen. Aus alten Zeiten stammt auch das Zitat, auf welches ich Isabell zurückgreifen lasse. Ich habe 2 Versionen davon gefunden:

»Gott schütze uns auf dieser Welt vor Nippes, Kalk und Ehrenfeld.«

»Alles Elend dieser Welt kommt aus Nippes, Kalk und Ehrenfeld.«

Das bezog sich wohl auf den hohen Industrieanteil in diesen Stadtteilen, welches Einiges an Gestank und Lärm mit sich brachte. Viele der heutigen Straßennamen verweisen auf das industrielle Erbe, z.B. Leyendecker (Bleiprodukte), Herbrand (Waggonfabrik), Herbig (Farben, später Herbol). Ende des 19. Jahrhunderts schuf die Helios AG für elektrisches Licht und Telegraphenanlagenbau einige Meilensteine der Wechselstromtechnik. In der Gegenwart ist das Heliosgelände ein Beispiel für die unaufhaltsame Entwicklung Kölns. 

Ehrenfeld ist quicklebendig und wird als Wohnviertel immer beliebter – steigende Mieten und eine wachsende Zahl von Theatern, Restaurants, Cafes, Bars und Szenekneipen zeugen davon. Viele Migranten aus aller Welt haben sich hier niedergelassen. Entsprechend bunt ist die Geschäftswelt mit vor allem türkischen und italienischen Geschäften und Betrieben, aber auch mit vielen weiteren Unternehmen von Inhabern aus Nah- und Fernost sowie aus Afrika. Da passt natürlich auch Familie Rossi gut ins Bild.

Ich selbst bin 2 Jahre lang jeden Morgen von Nippes nach Ehrenfeld geradelt, um in den Werkstätten der Kölner Bühnen zu arbeiten. Der Stadtteil mit seiner agilen Kulturszene ist mir ans Herz gewachsen. Über die Jahre verfolge ich die Wandlung von Industriebrachen in urbane Räume mit stetig steigendem Hipster-Potenzial. Aber auch die berühmte kölsche Gemütlichkeit kommt nicht zu kurz. Was lag also näher, als auch Familie Schmidt ein Eigenheim im (fiktiven) Oleanderweg anzudichten? 

Jedes Mal, wenn ich vom Blücherpark kommend, die Heidemannstraße entlangradelte, malte ich mir aus, wie Marc mit Gitarre auf dem Rücken um die Ecke bog, um sich mit seinen Musikerkollegen zu treffen, oder sah Thomas auf der Pirsch, Isabell auf den Fersen, auf dem Weg zur (ebenfalls frei erfundenen) Kampfsportschule Yawara, wie sich in den Kapiteln »Italienischer Kürbis« und »Heckenpenner« nachlesen lässt.